Bretagne-Tipp

Infos aus erster Hand und Ferienhäuser als Mittelpunkte des Erlebens

Architektur in der Bretagne

Bretagne Architektur

In der Bretagne reicht die Architektur-Geschichte besonders weit in die Vergangenheit: Mit dem gewaltigen Cairn de Barnenez zwischen Morlaix und Lannion, dem ältesten von Menschen aus Steinen errichteten Bauwerk auf dem europäischen Kontinent, kann an der Nordküste der Bretagne heute noch besichtigt werden, was Menschen vor ca. 6500 Jahren zu solch eindrucksvollem gemeinsamen Handeln bewegte. Und auch weitere Architektur-Zeugnisse dieser Megalithkultur sind in der Bretagne besonders zahlreich zu finden (vgl. auch Geschichte der Bretagne).

Bretagne-Architektur an der Nordküste: Der Cairn de Barnenez.
Der Cairn de Barnenez

Ein Zeitsprung von ca. 5000 Jahren und ein spezieller Blickwinkel auf die Entwicklung der religiösen Baukunst vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit: Die ab dem 5. Jh. n. Chr. aus Britannien in die Bretagne eingewanderten christianisierten Kelten prägen das religiöse Leben in der Bretagne. Einsiedlerklausen, Klöster und Kirchen entstehen in der Folgezeit. In Lanrivoaré im Finistère nordwestlich von Brest findet man noch Überreste eines ehemaligen Klosters aus dieser Zeit, und auf der kleinen Insel Île Maudez nahe der Insel Île de Bréhat nordöstlich von Tréguier an der Nordküste der Bretagne sollen von der Einsiedelei des heiligen Maudez die Überreste eines Oratoriums aus der Gründungszeit stammen (ein anderes einem damaligen Einwanderer geweihtes, allerdings wesentlich jüngeres Oratorium ist an der Rosa Granitküste in Ploumanac´h zu bewundern: Das "erst" im 13. Jahrhundert errichtete Oratorium des Saint-Guirec).

Über die vor dem 9. Jahrhundert entstandenen Bauwerke der Bretagne-Architektur kann man sich aber heute kaum ein Bild machen. Bis in die Mitte des 7. Jahrhunderts und auch in der Folgezeit werden die meisten Kirchengebäude aus Holz gebaut, vielleicht, weil es in der Bretagne an Kalkstein mangelt und für die Bearbeitung des in der Bretagne vorkommenden sehr harten Granits keine geeigneten Werkzeuge zur Verfügung stehen. Und die ca. 500 Jahre andauernden Wirren des "finsteren Mittelalters" mit ihren Völkerwanderungen, Kriegen und Plünderungen sorgen dafür, dass man über diese bis zum Beginn des 11. Jahrhunderts andauernde Zeitspanne europaweit nicht viel weiß. Während andernorts beispielsweise die Goten oder Vandalen wüten, sind es in der eher abseits gelegenen Bretagne die Wikinger, deren Beutezüge Bauwerke und Dokumente zerstören. Erst nach und nach werden diese Holzgebäude in der Architektur der Vorromanik durch Steinbauten ersetzt.

So lebt beispielsweise im 5. Jh. auf der Insel Batz nahe Roscoff Pol Aurélien, der bretonische Heilige und erste Bischof von Saint-Pol-de-Léon, einer der Gründungsväter der Bretagne (vgl. auch Tro Breizh). Es ist zu vermuten, dass die kleine Kirche Sainte-Anne, deren Ruine heute noch zu sehen ist, den Bau aus der Zeit von Saint Pol Aurélien ersetzt hat. Zumindest wird sie an der Stelle des durch Saint-Pol gegründeten und um das Jahr 878 durch die Wikinger zerstörten Klosters erbaut. Legt man das von Herzog Alain Barbetorte angegebene Datum der Gründung der Kirche von Batz zugrunde, so stammt diese kleine Kirche aus dem Jahr 952, also aus karolingischer Zeit (vgl. Zeittafel der Baustile).

Bretagne-Architektur an der Nordküste: Die Krypta in Lanmeur.
Die Krypta in Lanmeur

Ab dem 9. Jahrhundert werden in der Architektur der Bretagne zunehmend Steine als Baustoff verwendet. An der Bretagne-Nordküste findet man heute aus dieser vorromanisch karolingischen Epoche beispielsweise die Krypta von St-Melar (Foto oben) in Lanmeur, die Ruine der Kathedrale von Alet in Saint-Servan/St-Malo (siehe Foto unten) oder den Chor der Kirchenruine in der Abtei von Landévennec (siehe auch Museum Bretagne Landévennec) auf der Halbinsel von Crozon. Auch die Kirche der Abtei von Daoulas südlichöstlich von Brest zeigt Hinweise auf eine solche Bauperiode im 9. Jahrhundert oder sogar schon früher.

Bretagne-Architektur an der Nordküste: Die Ruine der Kathedrale von Alet in Saint-Servan.
Die Ruine der Kathedrale von Alet in Saint-Servan (heute ein Stadtteil von St-Malo).

Im 11. und 12. Jahrhundert,dem Zeitalter der Romanik, werden dann zahlreiche Kirchen und Klöster in der Bretagne auf alten Fundamenten oder ganz neu erbaut. So gründet in der Nordbretagne im Jahre 1130 die Zisterzienser eine Abtei in Bégard und die Augustiner die Abtei von Saint-Croix in Guingamp. Bis 1211 entstehen durch diese beiden Orden in der Bretagne insgesamt 23 Abteien, und die Benediktiner steuern in dieser Zeit auch noch 4 Abteien bei. In die Spätphase dieser Zeit fällt auch die Gründung der Abtei von Beauport nahe Paimpol (1202). Dazu kamen noch zahlreiche Priorate, die später zu Pfarrgemeinden wurden. Ländliche Kirchen und einfache Kapellen wurden von ortsansässigen Handwerkern mit den lokal vorhandenen Baumaterialien erbaut und gestaltet, und auch Einflüsse der orientalischen Architektur, die von den Kreuzzügen her bekannt war, sind in der Bretagne zu finden, so bei der Kirche von Lanleff (Ende 11./Anfang 12.Jh.) und der Kirche Saint-Saveur in Dinan. Und die ältesten in der Bretagne noch existierenden Stadthäuser stammen auch aus der Zeit der Romanik. Einige besonders schöne mittelalterliche Stadthäuser sind in Dol-de-Bretagne zu sehen.

Bretagne-Architektur an der Nordküste: Die Abtei von Beauport.
Die Abtei von Beauport

Ab dem 12. Jahrhundert setzt sich allmählich der Baustil der Gotik durch. Beispielsweise wird im 13. Jahrhundert die bisweilen als schönste Kathedrale der Bretagne angesehene Kathedrale Saint-Samson in Dol-de-Bretagne an der Nordküste der Bretagne wieder erbaut. Nach und nach erhalten auch die meisten einfachen, zu kleinen Dorfkirchen der Bretagne gotische Querschiffe oder gotische Chöre, die Kirche in Perros-Guirec ist ein Beispiel dafür, und auch der zerstörte, romanische Chor der Kirche Saint-Saveur in Redon wird durch einen gotischen Chor ersetzt.

Bretagne-Architektur: Die Kirche St-Jacques in Perros-Guirec: Blick vom romanischen Schiff auf den gotischen Ostteil der Kirche.
Die Kirche von Perros Guirec - eine Reise durch die Baustile

Die Gotik dauert in ihrer Spätphase, dem "style flamboyant", in der Bretagne bis zum Ende des 16. Jahrhunderts an. Gerade dieser spätgotische Stil trifft den "atavistischen" Geschmack der Bretonen (vgl. Couffon, S. 16) für geschwungene Formen, und die Härte des Granits als elementarer Baustoff der Bretagne erlaubt den Baumeistern kühn vorspringende oder überhängende Konstrukionen in ihrer Architektur-Gestaltung. Hinzu kommt, dass die Bretagne vom 15. bis 17. Jahrhundert während nahezu zwei Jahrhunderten durch den Seehandel besonders mit England und Spanien ein Zeitalter des besonderen Wohlstands erlebt. So findet man in der Bretagne in diesem "flamboyanten" Stil eine Reihe von bedeutenden kirchlichen Bauwerken. Beispiele an der Nordküste der Bretagne sind die Kathedrale Saint-Paul-Aurélien (13.-16. Jh.) und die Kreisker-Kapelle (14.-15. Jh.) in Saint-Pol-de-Léon oder die Kirchen Notre-Dame-du-Mur (15.Jh., zerstört) und Saint-Melaine (15. Jh.) in Morlaix. Ihrerseits sind darin zu findende Ausprägungen des Architektur-Stils wiederum Vorbild für zahlreiche, in dieser Epoche erbaute oder ausgebaute Kapellen und Dorfkirchen, beispielsweise für die Dorfkirche in Saint-Jean-du-Doigt bei Plougasnou oder die Kapelle Saint-Jean de Keranmanach (15. Jh.) in Plounévez-Moëdec. Und von örtlich ansässigen Steinmetz-Werkstätten werden regional begrenzt eigenständige Stilvariationen kreiert, so auch von der Steinmetzmeister-, Baumeister- und Architekten-Familie der Beaumanoir, die an der Bretagne-Nordküste wirkt, sich mit der bereits erwähnten Kirche Saint-Melaine (15. Jh.) in Morlaix und der Kapelle Saint-Jagut (15. Jh.) in Plestin-les-Grèves einen Namen macht und in dieser Gegend eine Vielzahl von Kapellen und Dorfkirchen mit stilistisch eigenen Architektur-Elementen (z.B. Glockenwand-Konstruktionen) erbaut.

Bretagne-Architektur an der Nordküste: Die Kapelle St-Nicolas bei Plufur.
Die Kapelle St-Nicolas bei Plufur im von Philippe Beaumanoir ersonnenen Baustil

Am Ende des 15. Jahrhunderts beginnend, entwickelt sich besonders im 16. Jahrhundert in der Bretagne der Baustil der "bretonischen Renaissance". Vorhallen werden außen an der Südseite angebaut und besonders reich geschmückt, Westfassaden erhalten charakteristische Verzierungen (Korbhenkelbögen). Dabei übt das von 1553 bis 1618 erbaute Schloss Kerjean bei Plouescat an der Nordküste der Bretagne (vgl. Burgen und Schlösser) einen großen Einfluss auf den Architektur-Stil von Sakral- wie Profanbauten der Bretagne aus. Und viele der als architektonische Besonderheit der Bretagne bekannten umfriedeten Pfarrbezirke entstehen in der Zeit der Renaissance - und auch im Barock.

Im 17. und 18. Jahrhundert ist die "Mode" der barocken Altar-Retablen hervorzuheben, Ausschmückungen, die in der Bretagne auch oft von Schiffstischlern angefertigt werden, deren Beschäftigung mit Galionsfiguren dem Betrachter nicht verborgen bleibt. Und auch heute ist die Nähe zur Seefahrt in den kleinen Kirchen und Kapellen mehr als präsent.

"Die allgemeine Stilentwicklung, so wie sie sich in der Architektur in Frankreich und Europa im Laufe dieser Jahrhunderte vollzieht, erhält in der Bretagne eine besondere Ausprägung, die mit der Eigenheit der bretonischen Mentalität zusammenhängt. Zu der Notwendigkeit, die zu klein gewordenen Bauten zu erweitern, kommt eine Art Wetteifer zwischen den Pfarrgemeinden. Wenn auch das Innere einer Kirche im ursprünglichen Zustand belassen wird, so passt man die äußere Gestalt dem Zeitgeschmack an. Deshalb soll man sich nie durch den Außenbau täuschen lassen. Ein gotischer Chor, eine Fassade und eine Vorhalle im Stil der Renaissance, ein durchbrochener Glockenturm können ein rein romanisches Schiff verbergen, in dem Arkaden, Pfeiler und Kapitelle ihren ursprünglichen Stil bewahrt haben" (Louise Marie Tillet: Romanische Bretagne, Würzburg 1985, S. 26).

"Die Bretonen, die sich vor allem als Traditionalisten und Partikularisten auszeichnen, neigen von Natur aus dazu, sich gegen die Außenwelt zu verschließen. Sie isolieren sich um so leichter, als sie eine eigene Sprache sprechen. Dadurch aber, dass sie auf einer Halbinsel leben, die sich dem Seeverkehr weit öffnet ... werden sie laufend über die künstlerischen Entwicklungen außerhalb ihres Landes informiert, häufig sogar früher als ihre Nachbarn. Diese widersprüchlichen Elemente muss man sich vergegenwärtigen, wenn man die Architektur und die Ausschmückungen der bretonischen Kirchen recht verstehen will. Eine der Besonderheiten der bretonischen Kunst besteht darin, dass sie mehrere Stile zur Verschmelzung brachte, ohne dass es stört oder verwirrt" (René Couffron: Art breton. Zitiert nach Louise Marie Tillet: Romanische Bretagne, Würzburg 1985, S. 26).

Quellen: René Couffon: Art breton I - Églises et Chapelles en Bretagne, Chateaulin 1974, und Louise-Marie Tillet: Romanische Bretagne, Würzburg 1985